Sturzprophylaxe im Pflegeheim: Übungen, Konzept und die Rolle von Kraft und Gleichgewicht
Stürze sind das Ereignis, das im Pflegeheim am häufigsten alles verändert: Krankenhausaufenthalt, Angst, Rückzug, Mobilitätsverlust. Gute Sturzprophylaxe hat viele Bausteine – aber der Baustein mit der stärksten Wirkung wird am häufigsten vernachlässigt: regelmäßiges Training von Kraft und Gleichgewicht. Dieser Artikel ordnet das Thema für Leitungen ein und liefert acht Übungen, die sich sofort in den Alltag holen lassen.
Warum Sturzprophylaxe Leitungsthema ist
Stürze mit schwerwiegenden Folgen gehören zu den Ergebnissen, auf die in der vollstationären Pflege besonders geschaut wird – in der internen Auswertung, in der indikatorengestützten Qualitätsdarstellung und in Qualitätsprüfungen. Fachlicher Maßstab ist der DNQP-Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege": systematische Einschätzung der Sturzrisikofaktoren, individuelle Maßnahmenplanung, Information von Bewohner:innen und Angehörigen, Umsetzung und Auswertung. Und wie beim Thema Mobilität gilt: Einrichtungen müssen nach § 11 Abs. 1 SGB XI entsprechend dem allgemein anerkannten Stand medizinisch-pflegerischer Erkenntnisse pflegen – hinter den Expertenstandard zurückzufallen ist keine Option.
Sturzprophylaxe ist mehr als Bewegung – aber ohne Bewegung ist sie wenig
Ein gutes Konzept arbeitet mehrgleisig: Umgebung (Licht, Stolperfallen, Haltegriffe, passende Schuhe), Hilfsmittel (Rollator-Check, Brille, Hüftprotektoren im Einzelfall), Medikation (sturzbegünstigende Präparate ärztlich überprüfen lassen) und die Kommunikation mit Bewohner:innen und Angehörigen. All das reduziert Gelegenheiten für Stürze. Die Sturzfähigkeit des Körpers verändert aber nur eines: Training. Beinkraft entscheidet, ob jemand vom Stuhl hochkommt und einen Stolperer abfangen kann; Gleichgewicht entscheidet, ob der Schritt zur Seite rechtzeitig kommt. Die Bewegungsleitlinien der Weltgesundheitsorganisation (2020) empfehlen älteren Menschen deshalb an mindestens drei Tagen pro Woche abwechslungsreiche Aktivität mit Schwerpunkt auf funktionellem Gleichgewicht und Kraft.
Acht Übungen, die den Unterschied machen
Alle Übungen mit sicherem Halt: hinter oder neben einem stabilen Stuhl, die Übungsleitung in Reichweite der Unsicheren. Wer nicht sicher stehen kann, trainiert die Sitzvarianten – auch sie bauen Beinkraft auf.
- Aufstehen und Hinsetzen: vom Stuhl aufstehen, kurz stehen, langsam hinsetzen. 5–10 Wiederholungen. Die wichtigste Einzelübung der Sturzprophylaxe.
- Fersenheben: im Stand am Stuhl beide Fersen heben und langsam senken. 2 × 10.
- Zehenheben: Fußspitzen anheben, auf den Fersen halten. 2 × 10. Trainiert genau die Muskeln, die beim Stolpern den Fuß heben.
- Gewichtsverlagerung: im Stand langsam von einem Bein aufs andere pendeln, ohne die Füße zu bewegen. 1 Minute.
- Seitliches Beinheben: am Stuhl festhalten, ein Bein gestreckt zur Seite heben. 2 × 8 je Seite. Stabilisiert die Hüfte – die Seitwärtsstabilität schützt vor den folgenreichsten Stürzen.
- Tandemstand: einen Fuß direkt vor den anderen setzen (Ferse an Spitze), 10 Sekunden halten, Fußwechsel. Mit Festhalten beginnen, dann nur Fingerkontakt.
- Marschieren am Platz: Knie bewusst heben, Arme mitschwingen, 1–2 Minuten.
- Stopp und Los: zu Musik gehen oder marschieren, bei Musikstopp sicher stehen bleiben. Trainiert Reaktion und kontrolliertes Anhalten – und macht als Spiel am meisten Spaß.
Sitzvarianten und den kompletten Stundenaufbau finden Ihre Betreuungskräfte im Leitfaden Sitzgymnastik: 25 Übungen; spielerische Formen im Artikel 40 Bewegungsspiele.
Vom guten Vorsatz zum verlässlichen Programm
Wirksam wird Training durch Regelmäßigkeit über Monate – genau daran scheitert es im Alltag: Die Gruppe steht und fällt mit einer Person, und wenn die fehlt, fällt sie aus. Intern gelingt das nur mit fester Dienstplan-Verankerung und benannter Vertretung – in der Praxis bleibt das die Ausnahme, weil die Pflege im Zweifel immer vorgeht. Verlässlicher ist ein externer Anbieter mit festem Wochentermin und eigener Vertretungsregelung: Der Termin findet statt, egal wer im Haus fehlt. Läuft die Gruppe als Rehabilitationssport nach § 64 SGB IX, übernimmt die Krankenkasse die Kosten; die Stunden dauern mindestens 45 Minuten und werden je Termin per Unterschrift dokumentiert – ein Nachweis, der direkt in die Sturzprophylaxe-Dokumentation einzahlt.
Sturzprophylaxe als fester Wochentermin in Ihrem Haus
Unsere Trainer:innen führen wöchentliche Kraft- und Gleichgewichtsgruppen in Pflegeeinrichtungen durch – als Rehasport mit Verordnung ohne Kosten für Haus und Teilnehmende, oder als Gruppenkurs. Mit Vertretungsregelung und Teilnahmedokumentation. Hamburg, Berlin, Ruhrgebiet.
Häufige Fragen
Wie oft muss trainiert werden, damit es wirkt?
Ist Training nicht riskant für sturzgefährdete Bewohner:innen?
Können Menschen im Rollstuhl an Sturzprophylaxe teilnehmen?
Reicht unser Sturzprotokoll als Prophylaxe-Nachweis?
Quellen
- Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), Hochschule Osnabrück: Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege".
- § 11 Abs. 1 SGB XI (Pflege entsprechend dem allgemein anerkannten Stand medizinisch-pflegerischer Erkenntnisse).
- World Health Organization: WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour, Genf 2020 – Empfehlungen für Erwachsene ab 65 Jahren (multimodales Training mit Gleichgewicht und Kraft an ≥ 3 Tagen/Woche).
- Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR): Rahmenvereinbarung über den Rehabilitationssport und das Funktionstraining, gültig ab 1. Januar 2022 – Ziffer 9.3, Teilnahmenachweis.
Kraft und Gleichgewicht – jede Woche, verlässlich
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