Übungsideen für die Praxis

Sitzgymnastik: 25 Übungen und ein Stundenaufbau, der funktioniert

Aktualisiert am 22. August 2026 · Lesezeit etwa 12 Minuten · Geschrieben vom Trainer:innen-Team von WellExperts

Sitzgymnastik ist die Bewegungsform, die in Pflegeeinrichtungen und Wohngruppen am häufigsten gebraucht wird – und am häufigsten unterschätzt. Richtig aufgebaut bringt eine Stunde auf dem Stuhl Kraft, Beweglichkeit und Stimmung, ohne dass jemand stürzen kann. Hier finden Sie unseren Stundenaufbau, 25 erprobte Übungen nach Körperregion, Hinweise für Menschen mit Demenz, im Rollstuhl oder nach Schlaganfall, und die Antwort auf die Frage, wann die Krankenkasse so eine Stunde bezahlt.

Was Sitzgymnastik ist – und was nicht

Sitzgymnastik ist ein angeleitetes Bewegungsprogramm, bei dem alle Übungen auf einem Stuhl stattfinden: Arme, Schultern, Rumpf, Beine, Füße, Kopf. Der Stuhl ersetzt das Gleichgewicht, das beim Stehen gefordert wäre. Dadurch können Menschen mitmachen, die nicht mehr sicher stehen, schnell ermüden oder im Rollstuhl sitzen.

Sitzgymnastik ist keine Krankengymnastik und kein Ersatz für Physiotherapie nach einer Operation. Sie ist auch nicht automatisch Rehasport – dafür braucht es eine ärztliche Verordnung und eine anerkannte Gruppe (mehr dazu weiter unten). Was sie sein kann: die wöchentliche Stunde, die Bewohner:innen aus dem Zimmer holt, den Kreislauf in Gang bringt und die Alltagsbewegungen erhält, um die es am Ende geht – vom Stuhl aufstehen, sich anziehen, ein Glas zum Mund führen.

Für wen sie passt

In unseren Gruppen sitzen Menschen zwischen Anfang 20 und Ende 90. Sitzgymnastik passt für:

  • Senior:innen in Pflegeeinrichtungen, Tagespflegen und Senioren-WGs, auch mit Rollator oder Rollstuhl
  • Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung in Wohnformen, Werkstätten und Tagesförderstätten
  • Menschen mit Demenz, wenn Ablauf und Ansprache angepasst werden
  • Menschen nach längeren Krankheitsphasen, die wieder in Bewegung kommen wollen

Nicht mitmachen sollte, wer akut krank ist, Fieber hat, starke Schmerzen oder frischen Schwindel. Bei frischen Operationen, instabilen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder unklaren Beschwerden gehört die Frage, welche Belastung in Ordnung ist, zur behandelnden Ärztin oder zum behandelnden Arzt. Als Faustregel für die Stunde: Wer sprechen kann, während er sich bewegt, ist im richtigen Bereich.

Vorbereitung: Raum, Stühle, Sicherheit

Die meisten Unfälle in Sitzgymnastik-Stunden passieren nicht beim Üben, sondern davor und danach: beim Hinsetzen, Aufstehen und beim Bücken nach einem Ball. Deshalb:

  • Stühle ohne Rollen, mit gerader Rückenlehne. Armlehnen helfen beim Aufstehen, stören aber bei Armübungen – wir mischen beides und setzen Menschen mit Aufstehschwierigkeiten auf die Stühle mit Armlehnen.
  • Stuhlkreis mit Abstand: etwa eine Armlänge zwischen den Stühlen, damit ausgestreckte Arme und Bälle niemanden treffen.
  • Füße flach auf dem Boden, Knie etwa im rechten Winkel. Bei kleinen Personen ein Fußbänkchen oder ein fester Block unter die Füße.
  • Rollstühle bremsen, Fußrasten nach Möglichkeit hochklappen, damit die Füße den Boden berühren.
  • Bälle, die rollen, bleiben im Kreis: Wer einen Ball verliert, lässt ihn liegen. Die Übungsleitung holt ihn. Sonst bückt sich jemand vom Stuhl aus und kippt.
  • Wasser bereitstellen und eine kurze Trinkpause einbauen. Viele ältere Menschen trinken zu wenig, und eine Bewegungsstunde ist ein guter Anlass.
  • Kleidung und Schuhe können bleiben, wie sie sind. Feste Schuhe sind besser als Pantoffeln, Strümpfe auf glattem Boden sind tabu.

Der Stundenaufbau (45 Minuten)

Unsere Stunden folgen immer demselben Schema. Die Wiederholung ist gewollt: Ein bekannter Ablauf gibt Sicherheit, vor allem bei Menschen mit Demenz, und die Gruppe weiß nach zwei, drei Wochen, was kommt.

PhaseDauerInhalt
Ankommen5 Min.Begrüßung mit Namen, Wie geht es heute?, ein Lied oder eine Musik, die die Gruppe kennt. Schultern, Hände und Füße locker bewegen.
Aufwärmen7 Min.Große, langsame Bewegungen: Marschieren im Sitzen, Arme schwingen, Rumpf drehen. Der Körper wird warm, Atem und Puls gehen leicht hoch.
Hauptteil 1: Kraft12 Min.Beine, Arme, Rumpf gegen Widerstand – mit dem eigenen Körpergewicht, Theraband oder Ball. 8 bis 12 Wiederholungen, zwei Durchgänge.
Hauptteil 2: Koordination10 Min.Spiele mit Ball, Tuch oder Schwungtuch, Überkreuzbewegungen, Reaktionsaufgaben. Hier wird gelacht.
Beweglichkeit6 Min.Dehnen und Mobilisieren: Nacken, Brust, Rücken, Beinrückseite. Jede Position 15 bis 20 Sekunden halten.
Abschluss5 Min.Ruhiges Atmen, Hände ausschütteln, ein gemeinsames Ritual zum Schluss. Trinken. Ankündigung, wann es weitergeht.

45 Minuten sind übrigens kein Zufall: Die BAR-Rahmenvereinbarung verlangt für eine Rehasport-Übungsveranstaltung grundsätzlich mindestens 45 Minuten (Ziffer 9.3). Wer seine Stunde so plant, hat später weniger Umbau, wenn aus dem Gruppenkurs Rehasport werden soll.

25 Übungen nach Körperregion

Die Angaben zu Wiederholungen sind Richtwerte für eine gemischte Gruppe. Wer heute weniger schafft, macht weniger. Wer mehr schafft, bekommt die schwerere Variante. Alle Übungen werden von der Übungsleitung vorgemacht, langsam und mit Ansage, welche Seite dran ist.

Ankommen und Aufwärmen

1. Marschieren im Sitzen

Aufrecht sitzen, die Füße abwechselnd anheben und aufsetzen, die Arme schwingen mit. Erst langsam, dann im Takt der Musik.

Dauer: 1 bis 2 Minuten · Leichter: nur die Fersen heben · Schwerer: Knie höher, Arme bis Schulterhöhe

2. Schultern kreisen

Beide Schultern langsam nach hinten kreisen, dann nach vorn. Die Hände liegen locker auf den Oberschenkeln.

8 Kreise je Richtung · Hinweis: Bei Nackenschmerzen nur kleine Kreise

3. Arme ausschütteln und strecken

Arme neben dem Körper ausschütteln, dann beide Arme nach oben strecken, als wollte man etwas vom Regal holen. Kurz halten, wieder lösen.

5 Wiederholungen · Leichter: Arme nur bis Schulterhöhe

4. Fersen und Zehen wippen

Beide Fersen heben und senken, dann beide Fußspitzen. Zum Schluss abwechselnd: rechts Ferse, links Zehen.

10 Wiederholungen je Variante · Aktiviert die Wadenpumpe, gut bei schweren Beinen

5. Atmen mit Armen

Beim Einatmen die Arme seitlich bis Schulterhöhe heben, beim Ausatmen langsam senken. Der Atem gibt das Tempo vor, nicht die Musik.

6 Atemzüge · Auch als Abschlussübung geeignet

Arme, Schultern, Hände

6. Boxen nach vorn

Fäuste locker machen, abwechselnd mit rechts und links nach vorn boxen. Die Bewegung kommt aus der Schulter, der Rumpf bleibt aufrecht.

2 × 15 Wiederholungen · Schwerer: mit kleinen Hanteln oder gefüllten Wasserflaschen (0,5 l)

7. Theraband ziehen

Das Theraband vor der Brust mit beiden Händen halten, Ellenbogen leicht gebeugt. Die Hände auseinanderziehen, bis das Band gespannt ist, dann langsam zurück.

2 × 10 Wiederholungen · Kräftigt den oberen Rücken, hilft gegen den Rundrücken

8. Ball drücken

Einen weichen Ball (Schaumstoff- oder Igelball) zwischen beiden Händen vor der Brust zusammendrücken, 3 Sekunden halten, lösen.

10 Wiederholungen · Leichter: Ball nur umschließen · Schwerer: mit einer Hand drücken

9. Hände öffnen und schließen

Arme nach vorn strecken, Hände weit öffnen, zur Faust schließen. Dann Handgelenke kreisen.

15 Wiederholungen, 8 Kreise · Wichtig für alle, die Besteck oder Knöpfe schlecht greifen können

10. Tuch werfen und fangen

Ein leichtes Chiffontuch hochwerfen und mit beiden Händen fangen. Dann mit einer Hand, dann klatschen, bevor man fängt.

2 Minuten · Das Tuch fällt langsam, darum gelingt das Fangen fast allen

11. Wand abstützen im Sitzen

Die Handflächen vor der Brust gegeneinander drücken, als wolle man eine Wand wegschieben. 5 Sekunden halten, lösen.

8 Wiederholungen · Kräftigt Brust und Arme ohne Gerät · Hinweis: dabei weiteratmen, nicht pressen

Rumpf und Rücken

12. Rumpf drehen mit Ball

Einen Ball mit beiden Händen vor der Brust halten, den Oberkörper langsam nach rechts drehen, zur Mitte, nach links. Das Becken bleibt auf dem Stuhl.

10 Wiederholungen je Seite · Schwerer: Ball dabei nach vorn strecken

13. Seitneigen

Einen Arm über den Kopf heben und den Oberkörper zur Gegenseite neigen. Die andere Hand hält sich am Stuhl fest.

6 Wiederholungen je Seite · Dehnt die Flanke, öffnet den Brustkorb

14. Aufrichten und Rundrücken

Hände auf die Oberschenkel. Mit dem Einatmen die Brust nach vorn und oben schieben, die Schulterblätter zusammenziehen. Mit dem Ausatmen den Rücken rund machen, das Kinn zur Brust.

8 Wiederholungen · Die wichtigste Übung für alle, die viel sitzen

15. Vorbeugen zum Fuß

Ein Bein ausstrecken, Ferse am Boden. Mit geradem Rücken leicht nach vorn beugen, die Hände auf dem anderen Oberschenkel abstützen. Die Dehnung ist in der Beinrückseite spürbar.

15 Sekunden halten je Seite · Hinweis: Kopf nicht unter Herzhöhe, wer leicht schwindelig wird, bleibt aufrecht

16. Beckenkippen

Aufrecht sitzen, das Becken nach vorn kippen (Hohlkreuz), dann nach hinten (Rücken rund). Klein und langsam.

10 Wiederholungen · Mobilisiert die Lendenwirbelsäule, angenehm bei Rückenschmerzen

Beine und Füße

17. Bein strecken und halten

Ein Bein langsam ausstrecken, bis das Knie gerade ist, Fußspitze zum Körper ziehen, 3 Sekunden halten, langsam absetzen.

2 × 10 je Bein · Schwerer: Gewichtsmanschette am Fußgelenk · Die Oberschenkelkraft entscheidet, ob jemand allein aufstehen kann

18. Aufstehen und Hinsetzen

Füße hüftbreit, leicht nach vorn beugen, aufstehen, kurz stehen, langsam wieder hinsetzen. Die Hände dürfen zunächst auf die Oberschenkel oder die Armlehnen.

5 bis 10 Wiederholungen · Nur für Teilnehmende, die sicher stehen können, alle anderen machen Übung 17 · Die Übungsleitung steht bei den Unsicheren

19. Ball zwischen den Knien

Einen weichen Ball zwischen die Knie klemmen, zusammendrücken, 5 Sekunden halten, lösen.

10 Wiederholungen · Kräftigt die Innenseite der Oberschenkel, stabilisiert das Becken

20. Ball unter dem Fuß rollen

Einen Igelball oder Tennisball unter die Fußsohle legen und vor und zurück rollen, dann kreisen. Schuhe können dafür ausgezogen werden, wenn der Boden rutschfest ist.

1 Minute je Fuß · Fußmassage und Wahrnehmung, bei Polyneuropathie sehr beliebt

21. Fuß-Alphabet

Ein Bein leicht anheben und mit der Fußspitze Buchstaben in die Luft schreiben: den eigenen Namen, die Stadt, den Lieblingsverein.

3 bis 5 Wörter je Fuß · Mobilisiert das Sprunggelenk, trainiert nebenbei den Kopf

Koordination, Gleichgewicht, Kopf

22. Überkreuz-Tippen

Mit der rechten Hand das linke Knie antippen, dann mit der linken Hand das rechte Knie. Langsam beginnen, dann schneller, dann zu Musik.

30 Sekunden, 2 Durchgänge · Überkreuzbewegungen fordern beide Hirnhälften

23. Ball werfen mit Namen

Ein weicher Ball wird im Kreis zugeworfen. Wer wirft, sagt den Namen dessen, der fängt. Variante: Wer fängt, nennt ein Wort zu einem Thema (Obst, Städte, Lieder).

3 bis 5 Minuten · Reaktion, Auge-Hand-Koordination, und jede:r wird mit Namen angesprochen

24. Kopf drehen und nicken

Den Kopf langsam nach rechts drehen, zur Mitte, nach links. Dann vorsichtig nicken. Kein Kreisen, kein Überstrecken nach hinten.

5 Wiederholungen je Richtung · Hinweis: bei Schwindel sofort aufhören

25. Rhythmus-Klatschen

Die Übungsleitung klatscht einen kurzen Rhythmus, die Gruppe klatscht ihn nach. Dann auf die Oberschenkel, dann mit den Füßen stampfen. Zum Schluss alles zusammen zu einem Lied.

3 Minuten · Unser Standard-Abschluss, weil alle mitkommen und die Stunde mit Lachen endet

Sie arbeiten in einer Einrichtung und möchten, dass jemand diese Stunde jede Woche für Ihre Gruppe macht?

Genau das tun wir: Unsere angestellten Trainer:innen kommen in Wohnformen, Werkstätten, Tagesförderstätten und Pflegeeinrichtungen in Hamburg, Berlin und im Ruhrgebiet. Als Rehasport mit ärztlicher Verordnung entstehen weder für die Einrichtung noch für die Teilnehmenden Kosten. Material bringen wir mit.

Infos für Einrichtungen   Sitzgymnastik als Gruppenkurs

Material, das sich bewährt hat

Sitzgymnastik funktioniert ohne ein einziges Gerät. Material macht sie abwechslungsreicher und gibt den Übungen ein Ziel. Was in unseren Taschen ist:

  • Chiffontücher (ca. 65 × 65 cm): leicht, bunt, fallen langsam. Für Werfen, Fangen, Schwingen, Farbspiele.
  • Weiche Bälle in zwei Größen: Schaumstoffbälle zum Werfen, Igelbälle für Hände und Füße. Keine harten Bälle, keine schweren Medizinbälle.
  • Therabänder in leichter Stärke (gelb oder rot). Vor dem Kauf prüfen, ob jemand in der Gruppe eine Latexallergie hat, dann latexfreie Bänder nehmen.
  • Gymnastikstäbe aus Holz oder Kunststoff, etwa 1 Meter: für Schulterübungen, Rudern zu zweit, Balancieren auf der Hand.
  • Schwungtuch (3 bis 5 Meter Durchmesser) für Gruppen ab acht Personen: das Material, auf das die meisten Gruppen am stärksten reagieren.
  • Musik: Schlager und Volkslieder für die älteren Gruppen, aktuelle Charts oder Wunschmusik in Werkstätten und Wohngruppen. Ein kleiner Bluetooth-Lautsprecher reicht. Gema-Fragen klärt die Einrichtung vorab.

Alles zusammen passt in eine Sporttasche und kostet unter 150 Euro. Hygiene: Bälle und Stäbe nach jeder Stunde abwischen, Tücher waschen.

Anpassen: Demenz, Rollstuhl, Schlaganfall, geistige Behinderung

Menschen mit Demenz

Die Übungen bleiben, die Ansprache ändert sich. Kurze Sätze, eine Anweisung auf einmal, jede Bewegung vormachen und mitmachen. Musik aus der Jugendzeit der Gruppe (bei den heute 85-Jährigen sind das die 1950er und 60er) öffnet Türen, die Worte nicht öffnen. Alltagsbewegungen funktionieren besser als abstrakte Übungen: Wäsche aufhängen, Teig kneten, Äpfel pflücken. Wer heute nicht mitmachen will, darf zuschauen und wird trotzdem mit Namen angesprochen.

Menschen im Rollstuhl

Bremsen feststellen, Fußrasten hoch, Füße auf den Boden, wenn es geht. Alle Arm-, Rumpf- und Handübungen gehen unverändert. Bei Beinübungen entscheidet die Beweglichkeit: Fersen wippen und Fuß-Alphabet sind oft möglich, Beinstrecken nicht immer. Die Sitzposition nach 20 Minuten einmal korrigieren, viele rutschen im Rollstuhl nach vorn.

Menschen nach Schlaganfall

Bei einer Halbseitenlähmung führt die gesunde Hand die betroffene: Hände falten und gemeinsam heben, Ball mit beiden Händen halten. Die betroffene Seite wird in jede Übung einbezogen, auch wenn sie wenig bewegt, und nie festgehalten, wenn sie schmerzt. Welche Bewegungen sinnvoll sind, stimmen wir mit der Physiotherapie ab, wenn die Person dort in Behandlung ist.

Menschen mit geistiger Behinderung

In Wohngruppen und Werkstätten sind die Gruppen jünger und kräftiger, aber Koordination, Körperwahrnehmung und Ausdauer sind oft wenig trainiert. Klare Strukturen, viele Wiederholungen, Bilder statt Fachwörter („Wir pflücken Äpfel" statt „Armelevation") und Aufgaben mit sichtbarem Erfolg: den Ball in den Eimer, das Tuch fangen. Wettkampf funktioniert, solange alle gewinnen können. Die Stunde darf laut sein.

Sechs Fehler, die wir immer wieder sehen

  1. Zu schnell. Die Übungsleitung zählt im eigenen Tempo, die Gruppe kommt nicht hinterher und macht halbe Bewegungen. Lieber die Hälfte der Wiederholungen, dafür ganz.
  2. Nur Arme. Beinkraft ist das, was über Aufstehen, Gehen und Stürze entscheidet. Übungen 17 bis 19 gehören in jede Stunde.
  3. Keine Namen. Wer nicht angesprochen wird, steigt innerlich aus. Namen lernen ist Teil des Jobs.
  4. Luft anhalten. Bei Kraftübungen pressen viele. Ansage: „Beim Anstrengen ausatmen." Besonders wichtig bei Bluthochdruck.
  5. Schmerz ignorieren. „Das zieht" ist in Ordnung, „das sticht" nicht. Wer Schmerzen hat, lässt die Übung aus, und die Übungsleitung notiert es für die Pflege.
  6. Kein Ende-Ritual. Ohne erkennbaren Schluss stehen die Ersten auf, während andere noch üben, und genau dann passieren Stürze.

Wann die Krankenkasse zahlt: Sitzgymnastik als Rehasport

Sitzgymnastik kann als Rehabilitationssport nach § 64 SGB IX stattfinden. Dann übernimmt die Krankenkasse die Kosten, und die Teilnehmenden zahlen nichts. Voraussetzungen sind eine ärztliche Verordnung (Formular Muster 56), eine vom Landesverband anerkannte Rehasport-Gruppe und eine Übungsleitung mit Rehasport-Lizenz. Die Eckwerte stehen in der Rahmenvereinbarung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) in der seit 1. Januar 2022 geltenden Fassung:

  • Umfang: in der Regel 50 Übungseinheiten in 18 Monaten (Ziffer 4.4.1).
  • Erweiterter Umfang: bei bestimmten Erkrankungen und Behinderungen 120 Übungseinheiten in 36 Monaten – darunter ausdrücklich Erkrankungen mit Schädigungen der mentalen Funktion wie mittelgradige Intelligenzminderung und leichte bis mittelgradige demenzielle Syndrome (Ziffer 4.4.1, Nr. 15). Ist die eigenständige Fortführung wegen kognitiver oder psychischer Beeinträchtigungen nicht möglich, sind weitere Verordnungen in diesem Umfang möglich (Ziffer 4.4.4).
  • Gruppengröße: grundsätzlich höchstens 15 Teilnehmende je Übungsleitung; spezifische Gruppen für schwerstbehinderte Menschen höchstens sieben (Ziffer 9.1).
  • Dauer: mindestens 45 Minuten je Übungsveranstaltung, bis zu zwei, mit Begründung drei Veranstaltungen pro Woche (Ziffer 9.3).
  • Bewilligung: Die Krankenkasse muss die Leistung vor Beginn bewilligen, auch bei Folgeverordnungen (Ziffer 15.1).

Wie Sie von der Verordnung zum Kursplatz kommen, steht in unseren Artikeln Die Rehasport-Verordnung: Muster 56 und Rehasport beantragen, Schritt für Schritt. Ohne Verordnung ist Sitzgymnastik als Gruppenkurs möglich; wie Einrichtungen das finanzieren, erklärt dieser Artikel.

Häufige Fragen

Wie oft sollte Sitzgymnastik stattfinden?
Einmal pro Woche ist das Minimum, damit ein Effekt entsteht; zweimal ist spürbar besser. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt älteren Menschen in ihren Bewegungsleitlinien von 2020 an mindestens drei Tagen pro Woche Übungen für Kraft und Gleichgewicht. Eine wöchentliche Stunde ist also ein Anfang, nicht das Ziel – der Rest kann im Alltag der Einrichtung stattfinden.
Wie groß darf die Gruppe sein?
Für einen Gruppenkurs gibt es keine feste Grenze, sinnvoll sind 8 bis 14 Personen, damit die Übungsleitung alle im Blick hat. Als Rehasport sind grundsätzlich höchstens 15 Teilnehmende je Übungsleitung zulässig, bei schwerstbehinderten Menschen in spezifischen Gruppen höchstens sieben.
Kann Sitzgymnastik als Rehasport abgerechnet werden?
Ja, wenn sie in einer anerkannten Rehasport-Gruppe mit lizenzierter Übungsleitung stattfindet und die Teilnehmenden eine ärztliche Verordnung (Muster 56) haben, die von der Krankenkasse bewilligt wurde. Ohne Verordnung läuft Sitzgymnastik als Gruppenkurs oder Selbstzahler-Angebot.
Ist Sitzgymnastik bei Demenz möglich?
Ja. Entscheidend sind ein fester Ablauf, kurze Anweisungen, Vormachen statt Erklären und Musik, die die Gruppe kennt. Wer an einem Tag nicht mitmachen will, schaut zu und bleibt trotzdem Teil der Gruppe.
Wer darf Sitzgymnastik anleiten?
Als Gruppenkurs kann jede geschulte Betreuungs- oder Fachkraft eine Sitzgymnastik-Stunde leiten; wichtig sind Kenntnisse zu den Einschränkungen der Teilnehmenden und eine Erste-Hilfe-Ausbildung. Als Rehasport ist eine Übungsleitung mit gültiger Rehasport-Lizenz des zuständigen Landesverbands Pflicht.
Was kostet Sitzgymnastik für eine Einrichtung?
Als Rehasport mit Verordnung nichts, weder für die Einrichtung noch für die Teilnehmenden. Als Gruppenkurs ohne Verordnung wird die Stunde von der Einrichtung, von den Teilnehmenden oder über Budgets finanziert; die Wege beschreiben wir im Artikel zur Finanzierung von Bewegungsangeboten.

Quellen

  1. Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR): Rahmenvereinbarung über den Rehabilitationssport und das Funktionstraining, Stand 26.11.2021, gültig ab 1. Januar 2022 – Ziffern 4.4.1, 4.4.4, 9.1, 9.3, 14.2, 15.1.
  2. § 64 Abs. 1 Nr. 3 und 4 SGB IX (Ergänzende Leistungen zur Rehabilitation: Rehabilitationssport und Funktionstraining).
  3. World Health Organization: WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour, Genf 2020 – Empfehlungen für Erwachsene ab 65 Jahren.
Über die Autor:innen
Dieser Artikel stammt vom Trainer:innen-Team der WellExperts GmbH, Hamburg. Wir leiten jede Woche Bewegungsgruppen in über 100 Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und Senior:innen in Hamburg, Berlin und im Ruhrgebiet – als Rehasport nach § 64 SGB IX und als Gruppenkurse. Die Übungen in diesem Artikel sind die, die wir selbst anleiten. Fachliche Verantwortung: Bjarne Wieck, Gründer und Geschäftsführer.
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